Schwarzwurzelfanatics vs Softcore-Ökos

Momentan ist in den Kommentaren verschiedener grün ausgerichteter Blogs häufig, ein sich im Ablauf immer wieder ähnelnder, Diskurs zu beobachten: Eine, um es reißerisch zu umschreiben, Schlammschlacht zwischen den Ökos der alten Schule und den LOHAS. Ich habe mich selten daran beteiligt, doch wenn, habe ich auch unreflektiert Öl ins Feuer gegossen, was ein Fehler war.

Es ist ein Schlagabtausch. Die Einen weinen lauthals darüber wie Neogreens den Grundstock ihrer Ideale mit Kommerz und kurzsichtiger Konsumwilligkeit vergewaltigen, die Anderen werfen arrogant mit Spitzen über selbstgenähte Kleider und Vorwürfen über starrer Sichtweisen und idealistischer Bockigkeit (zu der ich wohl, angesichts verschiedener Äußerungen, bisher zugerechnet werden musste).

Bei genauerer Betrachtung steht man sich jedoch gegenseitig auf den Füßen und detoniert die aktuellen Entwicklungen und die Fähigkeit zum Massenphänomen mittels griesgrämiger Missgunst und einem “nicht-akzeptieren-können” von Andersartigkeit und genau da sollten wir alle doch ein wenig mehr Erfahrung damit haben. Nicht falsch verstehen, ich packe mir hier gerade auch selbst an die Nase.

Ich möchte hier keinen Räucherstäbchenduft verbreiten und zum sozialpädagogischen Wir-Haben-Uns-Alle-Lieb-Tanz aufrufen, sondern um die Erkenntnis das solche “old-fashioned-values” wie Respekt und Akzeptanz durchaus einen Mehrwert herbeiführen können ;).

Ich denke, es ist wichtig das beide Seite vorhanden sind, und wir können gemeinsam voneinander profitieren, denn beiden Seiten fehlen Elemente der Anderen. Hier eine kleine Auflistung unserer Unterschiede und wie wir uns eigentlich gegenseitig ergänzen würden. Einzige Voraussetzung: man lässt den Anderen schaffen wie man will und begegnet ihm auf sein Handeln nicht mit Sarkasmus oder dergleichen.

Klassische Ökos

NeoGreens / Lohas

  • Verzichtsethik
  • Stark idealistisch geprägt
  • Vorwiegend politisches Handlungsmotiv
  • Handeln beruht auf logischer Folgerichtigkeit
  • Aufgrund des konsumgeprägten, gesellschaftlichen Kontextes, wenig Aussicht auf Massenbewegung
  • Veränderung durch Enthaltsamkeit / Boykott
  • Fokus liegt auf Umwelterhaltung und Natur
  • im heutigen Gesellschaftskontext wenig attraktiv
  • Kein Verlust von “Lebensqualität”. Kein Verzicht auf bestimmte Dinge, eher das Greifen zur richtigen Alternative.
  • Motiviert durch den Zugewinn an Werten
  • Vorwiegend emotional geprägtes Handlungsmotiv
  • Konsum als zentrales Werkzeug zur Veränderung.
  • Potential zur Massenbewegung
  • Veränderung durch gezieltes Einsetzen der vorhandenen Konsumkraft
  • Fokus liegt auf Selbst & Umwelterhaltung
  • Sehr attraktiv, durch ästhetische Produkte mit sozialen, ökologischem und gesundheitlichem Mehrwert.

Gemeinsame Nenner

  • Ziel: Erhaltung der Umwelt
  • Ziel: Gesunde Ernährung, Kleidung, whatever…
  • Ziel: Globale Besserung sozialer Zustände
  • Die Einen verzichten und bestrafen somit die verschwenderische Konsumgesellschaft und unverantwortlich handelnde Unternehmen, die Anderen beschränken sich aufs Belohnen guter Unternehmen. Beide fördern mit ihrem Geld sozial und ökologisch verantwortungsvolle Unternehmen.

Ohne das Kritisieren der jeweils anderen Mentalität, unterstützen wir gegenseitig unsere Ziele, weil sie sich im Endeffekt gleichen. Wir bedienen uns nur anderer Methoden. Die Eine mag logischer sein, dafür ist die Andere massentauglicher. Hören wir auf uns gegenseitig mit kleinkarierter Sezierung des jeweiligen Lebensstils zu demotivieren, profitieren wir sogar von einem Synergie-Effekt.

Konsumguerilla-Autor Sjörn Plitzko Dieser Artikel wurde am 05.November 2008 von Sjörn Plitzko geschrieben und unter Randnotizen abgelegt. |

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Kommentare

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Kommentare
1.
Am November 5th, 2008 um 9:29 am, war Reto der folgenden Meinung:

Hey Sjörn, erstmal: freut mich, erstmal seit längerem wieder mal was Reflektiertes hier zu lesen! Und schöne Analyse! Einzig schade, dass Du keine Links oder Trackbacks auf die erwähnten Beiträge gesetzt hast(?), dann könnte man dort den Faden aufnehmen.

Ich zähle mich weder zu den klasischen Ökos noch zu den Neogreens, aber das wird von aussen eventuell anders wahrgenommen …

Weder kann ich was mit dem linken, ökologischen Fundamentalismus noch der heilen Shopping-Welt der LOHAS was anfangen.

Was mich aufregt, ist Nullreflektion. Dieses Nachbeten von Fremdmeinungen und schönen Bildern aufgebaut von Marketingabteilungen. Dafür habe ich kein Verständnis, weder für das hirnschmalzlose Weiterbreiten noch das Kreieren substanzloser Images …

2.
Am November 5th, 2008 um 12:14 pm, war Klaus-Peter der folgenden Meinung:

Nun, Du hast ein wenig polarisiert, die Kontraste verstärkt. Das macht es ja manchmal deutlicher.
Das Wort “Schwarzwurzelfanatiker” kannte ich noch gar nicht - aber bis so etwas im Denken oder Diskurs auftaucht, muss schon einiges geschehen sein.
Ich stelle mir da ein Gegenüber von “Alt-Öko” (AÖ)und “Softcore-Öko”(SCÖ) vor, bei dem der SCÖ im zufällig Schwarzurzeln essenden AÖ einen Fanatiker zu erkennen glaubt. Was bedeutet, dass der SCÖ keine Schwarzwurzeln kennt und entsprechend dem Motto “Was der Bauer nicht kennt…” sein Gegenüber dämonisiert.
Schwarzwurzeln vertragen sich ja nicht mit Hedonismus, denkt er, und der AÖ kann ihn mit der Aussage “Schwarzwurzeln sind der Spargel des kleinen Mannes und viel nahrhafter als jener” auch nicht bekehren, zumal der SCÖ vom AÖ nichts als Missionierungsversuche erwartet und dementsprechend alles ablehnt, was der AÖ sagt, sagen wird oder sagen könnte.

Schwarzwurzeln, die man auch noch eigenhändig dem Boden entreißt, wäscht, schält, schneidet, würzt und kocht - das hat so etwas archaisches, urgewaltiges, unvermittelt-brutales, dass es schon “Hardcore” ist. Da ist Sushi aus der Bio-Tiefkühltruhe mit einem Tässchen Grüntee doch wesentlich zarter, sinnenfreudiger…

Sind das die zwei Lager? Es sieht schon nach zwei verschiedenen Kulturkreisen aus. Ein wenig Entfremdung zwischen verschiedenen Generationen kommt wohl auch noch hinzu.
Der SCÖ könnte natürlich auch sagen: “Oh, Schwarzwurzel - interessant. Das ist doch vielleicht mal etwas, das gesund ist und nachhaltiger als Fernost-Importe… Mal den AÖ fragen, was man damit machen kann - diese ewige Okinaw-Diät geht ja schon auf den Geist…”

Ich bin eigentlich sicher, dass es keine Schwarzwurzelfanatiker gibt.
Und selbst wenn jemand sich in selbst genähten Klamotten aus selbstgewebtem Tuch aus selbstgesponnener Wolle von selbst geschorenen Schafen kleiden sollte, wäre noch zu überprüfen, ob das Fanatismus oder ein Spleen ist.

3.
Am November 6th, 2008 um 5:53 am, war Sjörn Plitzko der folgenden Meinung:

Hey Klaus-Peter: Du hast völlig recht mit dem was du schreibst, ich habe natürlich extradick aufgetragen um die Problematik subjektiv zu verdeutlichen. Übrigens finde ich Schwarzwurzel gar nicht mal übel ;)

Übrigens: Ich habe wirklich keine Vorurteile gegen die Pioniere der Ökos, kenne diesen Menschenschlag von klein auf. Was aber die meisten gemein haben, ist ein starken Idealismus, welcher oftmals - mein Empfinden- im Wege steht, wenns zur Sache geht. Mit den klischeehaften Vorurteilen, werfe ich eigentlich nur als Stilmittel, und zwar auf beiden Seiten…

@Reto: Deinen Einwand kann ich sehr gut nachfühlen. Wirklich. Wer behauptet schon gerne von sich selbst Teil einer kalkulierbaren Zielgruppe zu sein. ABER: Im Moment versuche ich mich von solchen Wertungen frei zu machen, einfach weil wichtig ist was unterm Strich dabei rauskommt. Wenn jemand Fairtradebananen kauft und sich somit einen LOHAS-Stolz oder Selbstwert aufbaut und sich gut fühlt, weil er sich einer Gruppe zugehörig fühlt - Why not? Dem Bauer in Ecuador ist es egal, für ihn zählt das er seinen Sohn zur Schule schicken kann aufgrund des Mehrverdienstes.

4.
Am November 6th, 2008 um 2:25 pm, war Reto der folgenden Meinung:

@Klaus-Peter: schätze Deine Gedanken (und Deine immer mal wieder übers Thema Diät hinausgehenden Beiträge). “Leider” ist es doch auch so, dass viele AÖS aka 68er längst zu SCÖ mutiert sind und es sich bequem eingerichtet haben.

@Sjörn: es ist schon recht, wenn jemand Fairtrade-Bananen kauft, aber wertvoll ist es, wenn es eine bewusste Entscheidung war, wenn man sich darüber im Klaren ist, dass man dadurch möglicherweise dem Bauern hilft, aber immer noch Transportmöglichkeiten in Anspruch nimmt, welche einfach nicht nachhaltig sind.

Was ich sagen will: es reicht nicht, irgendwas zu tun, weil es plötzlich in gewissen Kreisen sexy geworden ist , an bestimmten Stellen empfohlen wird und alle Welt in die gleiche Richtung rennt.

Genau so haben wir uns in die Sackgasse gebracht, in der wir heute stecken.

Und wo genau fanden jetzt die Eingangs erwähnten Diskussionen eigentlich statt?

5.
Am November 6th, 2008 um 9:07 pm, war Klaus-Peter der folgenden Meinung:

@Sjörn: Das hat mir ja auch gefallen, wie Du den Artikel aufgebaut hast. Und beim Thema “Schwarzwurzeln” sind wir uns ja einig ;-)
Aber vor allem hast Du ja den gemeinsamen Nenner noch mal betont.
@Reto: Das mit der “Diät” betzrifft, ganzheitlich und im ursprünglichen Sinne, recht viele Bereiche.
Viele Ex-68 haben sich bequem etabliert, das scheint mir auch so. Da werden Memoiren geschrieben unter dem Titel “Unser Kampf” - eine gewisse Selbstbeweihräucherung…
Das Problem “Mitläufertum” und wenig eigenständiges Denken - mangelnde Mündigkeit - könnte auch unvermeidbar sein, denn das entsprechende Ideal, der autonome Bürger, ist (nur) ein philosophisches Konstrukt, mehr Mythos als Möglichkeit.

6.
Am November 7th, 2008 um 7:11 am, war Sjörn Plitzko der folgenden Meinung:

@Reto: Deine “Anforderungen” an die Ideale sind wirklich edel, folgerichtig und schlau. Allerdings sehe ich das ganze etwas mehr “schwarz/weiß”. Schau, die Bewegung ist da, sicher sie macht nicht alles hundertprozentig korrekt, aber ein Bewußtsein erwacht. Und das war vorher nicht da. Diese Form einer neuen “Geisteshaltung” ermöglicht überhaupt erst einmal den Zugang zu “breiten Massen” bezüglich nachhaltiger Themen, man kann nicht von heute auf morgen alles verlangen und man muss immer die Massentauglichkeit im Auge behalten, denn damit steht und fällt die Wirksamkeit. Lass es uns doch einfach mal als Initialzündung sehen, das vielen den grünen Konsum als “sexy” empfinden und darauf hoffen, das dies weitere neue Ansichten schafft und das Bewußtsein immer weiter für das Thema sensibilisiert. Schau, ich finde es besser, wenn ein immer größerer Teil der Konsumenten zu Fairtrade-Bananen greift, als zur normalen Aldi-Banane und genau diese beiden Handlungsoptionen existieren momentan auf breiter Fläche.
Will sagen: Klar reicht es nicht aus, aber es ist besser als gar nicht und auf jeden Fall ein guter Einstieg für die Schaffung eines nachhaltigen Bewußtseins! Ich will das Ganze nicht so schwarz sehen, weil wir, realistisch betrachtet, bei deiner Sichtweise eh alles verloren ist und wir keine Chance mehr haben. Ich hoffe du verstehst was ich sagen will.
Die Diskussionen suche ich dir die Tage mal raus, kannst dich aber schon einmal auf Utopia und auf Bioemma umschauen, da hat ein Großteil stattgefunden.

Mir ging es bei dem Artikel auch nicht darum die AÖS gegenüber SCÖs schlecht darzustellen, beide haben ihre Macken und es besteht viel Optimierungsbedarf. Mir ging es mehr darum den gemeinsamen Weg bewußter zu machen, weil mir das selbst auch erst klar geworden ist. Es geht nicht ums besser oder schlechter sondern einfach um das was da ist, möglichst effektiv zu nutzen.

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  1. nachhaltigBeobachtet am November 10th, 2008 at 1:07 pm
  2. Einfach Nachhaltig am November 10th, 2008 at 2:32 pm
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